Die lange Nacht der Wissenschaften: FabLab Nürnberg

FabLab Nürnberg

FabLab Nürnberg
FabLab Nürnberg. Im Hintergrund: Eigenbau-Wortuhr [Arduino Day 2015, Foto: (c)FabLab]
Im Rahmen der jährlich in Nürnberg stattfindenden Veranstaltungsreihe „Die lange Nacht der Wissenschaften“ besuchte ich am vergangenen Wochenende mit meiner Familie das Paradies aller BastlerInnen: Das FabLab Nürnberg auf dem alten AEG-Gelände an der Fürther Straße.

FabLab ist die Abkürzung für engl. fabrication laboratory, auf Deutsch also Fabrikationslabor. Selbsterklärte Aufgabe dieser als Verein geführten Einrichtungen ist es, moderne und kostspielige Produktionsmittel wie 3D-Drucker, Laser-Cutter, CNC-Fräsen, SBC, Microcontroller u.v.m. Einzelpersonen und überschaubaren Arbeitsgruppen zugänglich zu machen. Das dafür nötige Know-how wird von den Mitgliedern des Vereins ehrenamtlich vermittelt und weitergegeben.
FabLabs erfreuen sich weltweit einer stetig wachsenden Popularität. Sie können am besten als Kreativzentren begriffen werden und im weitesten Sinne als „offene Werkstätten“ bezeichnet werden. Offen deshalb, weil regelmäßig auch Nichtmitgliedern die Gelegenheit geboten wird, in den Räumlichkeiten des FabLabs mit dessen Werkzeugen und Geräten unter Anleitung erfahrener Vereinsmitglieder eigene Projekte bearbeiten zu können. (In Nürnberg ist das i.d.R. samstags von 15:00-21:00 der Fall.) Die nichtkommerzielle Nutzung ist kostenlos, lediglich das vom FabLab zur Verfügung gestellte Material ist selbstverständlich zu zahlen. Darüber hinausgehende freiwillige Spenden sind bei Nutzung des öffentlichen Angebots aber gern gesehen.

FabLabs sind nicht neu, kommen aber gerade in Deutschland erst in jüngster Zeit in den Köpfen einer breiteren Öffentlichkeit an. Auch Schulen wenden sich mittlerweile zunehmend an die ortsansässigen FabLabs, um den Unterrichtsstoff – insbesondere in den Fachbereichen Informatik und Physik – für ihre SchülerInnen auf anschauliche Weise vertiefen zu können.

Als geistiger Vater der FabLabs gilt Neil Gershenfeld, der das erste FabLab 2002 am MIT (Massachusetts Institute of Technology) gründete. Das erste deutsche FabLab hingegen ging erst 2009 – Stichwort: #Neuland – an der RWTH Aachen an den Start. Das FabLab Nürnberg besteht seit Februar 2011.
Gershenfeld trat mit seiner Idee gleichzeitig die sogenannte Maker-Bewegung los. Die Maker-Szene, aus der die FabLabs mittlerweile den größten Teil ihrer Mitglieder generieren, lässt sich gut mit DIY (Do-It-Yourself) vergleichen und weist große Übereinstimmungen mit dem Geist von Open Source und Open Hardware auf. Kreativität, Eigenproduktion, Nachhaltigkeit und freier Zugang zu Bildung stehen in FabLabs im absoluten Vordergrund. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die zunehmende Verschmelzung mit der Hackerszene, die immer wieder spannende Projekte, insbesondere im Bereich Microcontroller, zu Tage fördert.

Manche Menschen gehen so weit, die Maker-Bewegung und das von ihr kreierte Internet der Dinge (die Vernetzung und Steuerbarkeit von allerlei Haus- und Entertainment-Technik über das Internet, Stichwort: SmartHome) als erste Stufe der nächsten industriellen Revolution zu bezeichnen. Dabei berufen sie sich im Extremfall sogar auf eine These von Karl Marx, der seinerzeit propagierte: „Die Macht besitzt derjenige, der die Produktionsmittel kontrolliert.“
Zwar machen FabLabs hochtechnisierte Produktionsmittel für weniger kaufkräftige Bevölkerungsgruppen verfügbar, die mit eigenen finanziellen Mitteln wohl kaum Geräte wie Lasercutter hätten nutzen können. Dennoch bezweifele ich stark, dass in greifbarer Zukunft in diesem doch eher winzigen Umfang eine aus industrieller Sicht signifikant wahrnehmbare Umverteilung von Produktionsmitteln stattfinden kann.
Ich stufe FabLabs aber als notwendige und unbedingt förderungswürdige Bildungsinstitutionen ein, die auf spielerische Weise Wissen und Fertigkeiten bei ihren Nutzern generieren, welche von Industrie und Wirtschaft – nicht nur hierzulande – händeringend gesucht werden.

Jetzt aber zu meinen Eindrücken vor Ort:

Auf einer riesigen Fläche haben die findigen Tüftler in Nürnberg eine Werkstatt aufgebaut, die (fast) alles bietet, was das BastlerInnenherz begehrt.
Der große Arbeitsraum ist in mehrere Themenbereiche unterteilt:

  • Elektroniklabor inklusive Platinenfräse
  • Textilbereich mit Nähmaschine, Schneidplotter und Thermo-Transferpresse
  • konventionelle Hobbywerkstatt mit vollständigem Werzeug-Arsenal nebst Drehbank und Sandstrahlkabine
  • Lasercutter mit Absauganlage
  • 3D-Druck-Ecke mit PLA- und ABS-Druckern sowie
  • Küchen- und Lümmelecke

Diese Sektionen scharen sich um mittig angeordnete Werktische, die natürlich Eigenkreationen sind.
Alle Werkstattbereiche wurden sehr freundlich und kompetent von überaus engagiert wirkenden Mitgliedern präsentiert und erklärt. Man merkt sofort: In diesem Verein steckt jede Menge Herzblut! Fragen – auch solche, die an diesem Tag bestimmt schon zum wiederholten Male gestellt wurden – beantwortete man mir quer durch die Bank bereitwillig und detailliert.

Große Überzeugungsarbeit für eine Mitgliedschaft war in meinem Fall nicht vonnöten. Ich ließ mich schnell vom Maker-Virus infizieren. Insbesondere 3D-Druck und Lasercutter zogen meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich ertappte mich dabei, wie unzählige Ideen vor meinem geistigen Auge beim Anblick der Maschinen nur so zu sprudeln begann. Allein aufgrund der neuen technischen Möglichkeiten, die das FabLab einem leidenschaftlichen Techie wie mir bieten kann, konnte ich an bisher ungelöste technische Herausforderungen an diesem Nachmittag gedanklich aus völlig neuer Perspektive herangehen.

Es ist nicht verwunderlich, dass visionäre Firmen regionale FabLabs gerne bei ider Arbeit unterstützen. Sie nehmen den privaten Tüftler-Pool zurecht als Inkubator von Innovationen wahr, denn immer öfter gelangen Ideen von FabLab-Mitgliedern in die Serienproduktion etablierter Industriekonzerne. Selbstverständlich werden viele Produktideen aber auch weiterhin über finanzielle Mittel realisiert, die gute Ideen heutzutage über Kickstart-Kampagnen generieren können.

Fazit und uneingeschränkte Empfehlung: Jeder sollte einmal ein FabLab von innen gesehen haben!

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